Es ist bizarr, wie derzeit sich alle paar Monate die Medien-, Politiker- und Investorenmeinungen um 180 Grad verdrehen: Nachdem man in der Finanzkrise bis vor kurzem Panik vor der Inflation verbreitete, kommt jetzt in den letzten Wochen das Gegenteil, also massive Deflationspanik auf. Die Mainstream-Journalisten, Politiker und Finanzexperten – die alle bis vor kurzem vor der Inflationsgefahr gewarnt hatten – blasen jetzt gemeinsam ins Horn: Die Rohstoffblase sei geplatzt und es käme jetzt Deflation, also eine negative Preisentwicklung – eine Krisenentwicklung ähnlich der 30er Jahre.
Ursache dieser Fehleinschätzungen sind meiner Meinung nach zwei Dinge:
(1) Es ereignet sich ein massiver Rückfluss von Geldern und Krediten aus dem extrem gehebelten Hedgefondsgeschäft und Carry Trades – speziell aus Rohstoffländern, da die Banken plötzlich ihre Kreditpolitik panisch um 180 Grad zurückspulten und die Rückzahlung von Krediten für solche extrem riskanten Hebelgeschäfte einfordern. Dies hat zu fortlaufenden Zwangsverkäufen durch gehebelte Fonds und Hedggefonds geführt – gerade in den langfristig interessantesten, wegweisesten Bereichen im Rohstoff- und Währungsbereich. Diese immensen Zwangsverkäufe lösten eine sich selbst verstärkende Massenflucht aus den Investitionen speziell in den Rohstoffländern aus, wo besonders hohe Zinsen herrschten und deshalb viel in Währungen wie z.B. Austral-, Neuseeland oder Canadadollar oder brasilianischen Real als Anleihen und in die Industrie in Form von Aktien, usw. investiert wurde. Durch die forcierte Rückabwicklung solcher Investitionen krachten gerade diese Währungen geradezu zusammen, was die Massenpanik zurück in den Dollar und Yen als Carry-Trade (bzw. beim Dollar auch zusätzlich als traditionelle Währung für Kredite an Hedgefonds, etc.) nur noch verstärkte. Yen und Dollar wurden am Markt so massiv nachgefragt, dass es zu extremer Yen- und Dollaraufwertung kam, während die Rohstoffpreise und Rohstoffaktien historisch kaum nachvollziehbare Niedrigst-Bewertungen erhielten. Man bedenke, dass es garnicht zu übermäßigen Lagerbeständen von Rohstoffen gekommen ist, die einen Preisrückgang rechtfertigen können – im Gegenteil, das Ganze vollzieht sich bei knappen Beständen.
Diese Entwicklung durch die eingetretene Carry-Trade und Hedgefonds-Krise hat nun wiederum zur falschen Interpretation geführt, dass eine massive Deflation bevorstehe. Die vorherigen Sorgen um Inflation oder gar Hyperinflation und um einen extremen Dollarcrash sind plötzlich weg – wie angeblich Kopfschmerzen bei der Einnahme bestimmter beworbener Brausepillen aus der Fernsehwerbung.
Das alles ist natürlich wiederum Wasser auf die Mühlen der Politiker und Notenbanker und auch der Finanz- und anderer Branchen: Denn die angeblich kommende Deflation erlaubt es politisch, die Leitzinsen auf nahe Null zu drehen (was ansonsten als inflationär gesehen wird) und weltweit die monetären Schleusen in fast beliebigen Größenordnungen zu öffnen.
Die Illusion der Deflation führt somit schlussendlich zum echten Finanz-Tsunami, wie ihn die Welt bislang noch nicht erlebt hat: Was bei aller oberflächlichen Verwendung des Begriffs Finanz-Tsunami vergessen wird ist die Mehrstufigkeit des Tsunami als physikalischer Erscheinung:
Tsunami-Phase I: Die große Ebbe
Die seismischen Spannungen sind so groß geworden, dass es zu einem Tiefseebeben kommt, dass sich global in Form einer Riesenwelle ausbreitet. Bevor die Welle aber an den Ufern ankommt, zieht sich das Meer zunächst und plötzlich vom Ufer zurück – Wasser und Wellen verschwinden. Was dort an Fischen und Meeresgetier in Sand oder Schlick bleibt kriegt jetzt keine Luft mehr und zappelt herum. Die ahnungslosen Menschen am Strand laufen baff dem verschwundenen Meer entgegen – nichts ahnend, dass Sie hier bald selbst in der Flut ersaufen werden.
Übertragen auf die aktuelle Weltwirtschaftskrise sind wir jetzt in dieser Phase: Die extremen Finanzspannungen durch jahrzehntelang aufgebauten Ungleichgewichten erzeugen ein Erdbeben, das eine globale Welle auslöst. Als erstes erscheint das Phänomen der Ebbe am Strand. Die Mainstream-Ökonomen und Politiker, Notenbanker meinen, der Zusammenbruch, das Verschwinden von Liquidität, die Kreditknappheit – also die analog im Finanzbereich entstehende Ebbe als historisch außerordentliches Phänomen – sei der Finanz-Tsunami selbst statt die Ebbe als erste Phase zu sehen. Sie wollen gegensteuern, das Volk hat Wut im Bauch und beginnen zu fluten, um den alten Zustand zurückzuzwingen. Dieser Aktionismus leitet Phase II des Tsunamis ein.
Tsunami-Phase II: Die vernichtende Flutwelle kommt
Im geophysikalischen Tsunami erkennt man, dass sich das Wasser nur deshalb zurückzieht, weil die ankommende Riesenwelle so mächtig ist, dass Sie im Vorlauf das Wasser in sich hineinzieht und eine vorausgehende Ebbe produziert. Wenn aber erst die Flutwelle an Land aufschlägt vernichtet Sie alles, was sich vorher nicht rechtzeitig darauf eingestellt hat, was nicht ausreichend befestigt wurde oder bereits in die Berge geflohen ist.
Angewandt auf das Verbreitung findende verwandte Bild des Finanz-Tsunamis werden durch die Fehldeutung der primären negativen Welle, der Liquiditäts- und Kreditebbe im Finanzsektor von Politikern und Notenbankern und allen anderen populistischen Akteuren in Überlebenspanik weltweit Multibillionen-Programme losgetreten, die die Springflut von Inflation und Hyperinflation überhaupt erst aktivieren. Auch das in Panik geratene Massenpublikum verlangt von den Akteuren massive Aktion. Der Bürger sieht ja bei Stufe I des geophysikalischen Tsunamis auch zunächst nur den Rückfluss des Meeres und verlangt Eingriffe verlangt und fürchte – ohne Kenntnis über die realen Abläufe – die Riesenwelle nicht fürchtet, da sie noch nicht sichtbar wurde.
In dieser Phase kollektiver Fehldeutungen strömt das Volk geradezu herbei und legt das Geld in Staatsanleihen an, die in immer gigantischerem Ausmaß ausgegeben werden. Alle strömen hin zum Wasser wie Verdurstende in der Wüste, kaum einer möchte sich vor den virtuellen und papiernen Geldfluten in Sicherheit bringen. Reale Werte, rettende Anlagegüter wie Rohstoffe, speziell Gold und Silber als reales, wirkliches Geld sinken im Wert.
Tsunami-Phase III: Die Zerstörung durch Hyperinflation
Im Rahmen dieses bildhaft-analogen Tsunami-Szenarios wird die Flutwelle der Hyperinflation wie in der Weimarer Republik bis 1923 oder aktuell in Zimbabwe weltweit die durch nichts als durch Versprechen hyperverschuldeter Staaten gedeckten Währungen zerstören, d.h. völlig entwerten. Das Papiergeld bzw. deren digital gespiegelte Form von Ketten aus auf Massenspeichern abgebildeten Einsen und Nullen vernichtet sich selbst. Dies setzt schlussendlich alle Schulden von Staat, Industrie, Banken und Verbrauchefaktisch auf Null.
Tsunami-Phase III: Der Wiederaufbau beginnt
Aus den Trümmern des Papiergeldes entsteht nach Zwischenphasen des einfachen Warentauschs, von Ersatzwährungen (Zigarettenwährung) oder Bartergeschäften auf globaler Ebene ein neues Währungssystem – wahrscheinlich basierend auf einer Rückdeckung durch nicht beliebig vermehrbare Edelmetalle wie sich das – manchmal durch Papiergeldillusion bis zu deren Zusammenbruch unterbrochen – schon seit tausenden Jahren bewährt hat.
Unterschiede Geo-Tsunami und Finanz-Tsunami
a) Was beim Geo-Tsunami nur Minuten dauert ereignet sich in der Abfolge beim Finanz-Tsunami eher in Jahren. Die deflationäre Illusion (Phase I) kann also noch eine Weile weiter gehen bis die Riesenwelle in Form eines Crescendos der Geldvermehrung über die reale Wirtschaft hineinbricht.
b) Beide Tsunamis sind zwar historisch seltene Ereignisse (der Tsunami im indischen Golf kam im Abstand von 300 Jahren zum letzten) und eine globale Hyperinflation nahezu aller Währungen kann es schließlich erst im neuen Zeitalter der Globalisierung geben, im Zeitalter von ungedeckten, an den US $ Dollar wie Lotsenfische an den sterbenden Hai gepeggten Währungen bei völligem Verlust des Goldstandard als monetäres Steuerungsinstrument seit 1971).
Sie werden daher von der den Tsunami erlebenden Generation aufgrund völlig fehlendem Verständnis zunächst missdeutet – im Falle des Finanz-Tsunamis auch deshalb, weil die Geschichte des Geldes und die zugehörigen ökonomischen Theorien seit Jahrzehnten fast als abgeschafft und beim Mainstream als exotisch-irrwitzig gelten. Der Finanz-Tsunami ist natürlich ein von Menschen und speziell den Eliten ganz oben in der Nahrungskette hausgemachtes Produkt und keine Naturkatastrophe.
Schlussbemerkung:
Ich schwöre nicht auf das oben beschriebene Vergleichsszenario, aber ich halte es für wahrscheinlicher als die aktuellen deflationären Phantasien. Es ist auch möglich, dass durch diesen letzten Rettungsversuch, mit der die exponentielle Kreditbubble des Superkreditzyklus nun auf den Staat gezogen wird, der finale Kollaps, d.h. das Ende der systemischen Krise noch um Jahre hinausgezogen werden kann. So wie man es geschafft hat, nach dem Absturz der Tech-Bubble im Jahr 2000 durch das Aufblasen der Immobilien-Kredite über Billigstgeld, über die Generierung von über 50 Billionen Credit Default Swaps, von über 500 Billionen an US $ Derivaten, usw. um weitere sieben Jahre künstlich zu verlängern.
Es kann aber auch wegen des exponentiellen Verlaufs, eines Superspikes, der in einem Zusammenbruch endet, jetzt ganz schnell gehen. Die Zusammenhänge so komplex und das Verhalten der Markt- und Politikteilnehmer in Panikphasen geht irrational vonstatten, das eine genauere Prognose über Details kaum möglich sein wird.