China-Strategie: Wann sind wir wieder die Schrauber?

Europa, USA und Japan haben jede Menge einfachere Produktions-Arbeitsplätze verloren, die in China dafür neu entstanden sind. Wer zu IKEA und auf die Produktaufkleber schaut, erkennt: Ein Großteil aller Waren sind “Made in China”. Natürlich ist kaum noch was davon “Made in Germany”.

Hat man die Ware vopn IKEA nach Hause geschleppt, beginnt das Zusammenschrauben. Da kann vielfach der Eindruck entstehen, dass inzwischen die Chinesen die Produzenten sind und wir als verlängerte Werkbank Chinas die Schraubern in der Endmontage sind.

Interessant zum Thema dieses wirtschaftlich-politischen Kräftewandels finde ich den bereits 2004 geschriebenen Beitrag “Fasten Your Seatbelts” von Dietmar Siebholz. Und wer einmal in Shanghai war und sieht, wie tausende Wolkenkratzer in den Himmel schießen, erkennt, dass wir hier im Westen eigentlich vergleichsweise ganz klein mit Hut sind.

Vielleicht arbeiten wir ja später als 85 Jährige in verlängerter Altersteilzeit als Reinigungskräfte in deutschen Hotels für die vielen Touristen aus China, die das nette Deutschland bereisen, wo der Urlaub so billig ist wie man es im reichen China und Asien garnicht mehr findet. Und als kofferschleppende Hotelportiersenioren oder Betten machende Zimmeromas im Hotelgewerbe der Fernreisetouristen in die überalterten, kinderlosen westeuropäischen Entwicklungsländer von Good-Old-Europe können wir in Verbindung mit unserer Riester-Rente unser tägliches Schälchen Kartoffeln zusammenkratzen und erhalten als Teil der Hotelservicebelegschaft sogar einen beheizten Bettplatz in den Mehrstockbetten eines fast fensterlosen, stickigen Mehrbettzimmers.

Das obige Szenario ist natürlich nicht ganz bierernst gemeint. Aber manchmal ist es hilfreich, wenn man sich mal im Rollentausch übt und auf aktuelle, demografische und wirtschaftliche Entwicklungsdaten bezieht, aus denen man mögliche Szenarien in den nächsten Jahrzehnten entwickeln kann.

4 Reaktionen zu “China-Strategie: Wann sind wir wieder die Schrauber?”

  1. Simon

    Ich höre immer, dass China so ein großes demographisches Problem bekommt, weil die eh nur ein Kind kriegen dürfen und zweitens das dann auch immer noch ein Junge werden muss, Mädchen also schon als Embryo entsorgt werden. Vermutlich kommen in 85 Jahren also Horden ausgehungerter Sextouristen – und ob die von Leuten unseres Alters dann die Dienstleistungen kriegen, an denen sie Bedarf haben, scheint mir zweifelhaft. Jedenfalls erscheint Kofferschleppen im Vergleich ganz angenehm.

  2. Nath

    Da Deutschland zur Zeit noch “Exportweltmeister” ist, also einen wertmäßig höheren Export als China hat, dürfte insgesamt “Made in Germany” doch noch öfter vorkommen als “Made in China”. Von der Anzahl Produkte kommt das möglicherweise nicht ganz hin, weil aus China eher billigere Produkte kommen dürften. Aber wie es in einigen Jahrzehnten aussehen wird, hängt sowieso von so vielen Faktoren ab, dass eine gute Prognose unmöglich sein dürfte.

  3. Monetenguru

    Zu Simons Kommentar: Beim Chinabesuch in 2003 erzählte mir einer der offiziellen, aus Peking stammenden Begleiter unserer Delegation, dass die Einkind-Politik zwar streng für Beamte und ähnliche Positionen gilt. Aber speziell auf den flachen Land und in vielen entfernteren Regionen würde dieses Prinzip oft nicht angewandt und es gäbe dort daher oft weiterhin viele Kinder pro Familie. Außerdem würden auch Unternehmer sich nicht dran halten und gegebenfalls einfach die Strafgelder als Sanktionen für zu viele Kinder zahlen. “Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast”, sagte einmal Churchill. Insoweit ist sicher auch bei chinesischen Statistiken gewisse Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.

  4. Monetenguru

    Zu Naths Kommentar vom 26.02.07: Was als “made in Germany” daher kommt, besteht mittlerweile immer häufiger aus in Deutschland endgefertigten Produkten, wobei die arbeitsintensiven Vor- und Halbfertigprodukte und Bauteile aus Osteuropa, China usw. kommen. Deutschland ist noch in Maschinenbauprodukten branchen- und exportstark. Das sind stärker vom Konjunkturzyklus abhängige Produkte, die nach Überinvestitionsphasen umsatzmäßig und im Preis stark einbrechen. Auch die Autoproduktion als Teil des langfristigen Gütermarkts ist vom Schweinezyklus betroffen. Wer sich die Situation vor Ort anschaut, der sieht, dass es eher nur eine Frage der Zeit ist, bis Produkte des Maschinenbaus und andere durable goods in China in ähnlicher Qualität gefertigt werden, wie in Deutschland – nur zu sehr viel günstigeren Preisen, weil Arbeitslöhne und Abgaben (kaum Sozialstaat, staatliche Rentenabgaben, Krankenkasse, Umwelt-, Arbeitsschutz, Produktpiraterie, usw.) um Größenordnungen niedriger sind und der staatlich festgelegte Wechselkurs des Yuan die Waren gegenüber dem Euro auf dem Weltmarkt auch noch verbilligt. Die Entwicklung dürfte mit einer Verspätung um Jahre ähnlich verlaufen wie in Korea (20 Mio. Einwohner) oder Japan (120 Mio. Einwohner), nur in ganz anderen Größenordnungen (1.300 Mio Einwohner). Eine klare Verlaufskurve für diese Angleichungsphase gibts natürlich nicht. Meine nicht absolut ernst zu nehmende Phantasie war daraus halt: Wenn China im Preiswettbewerb in der laufenden Aufholphase unter anderem Deutschland vom Markt wegdumpt, dann wechseln irgendwann wieder die Seiten und wir sind dann wieder die Schrauber, wie jetzt schon nach einem Ikea-Einkauf.

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