Mystische Erklärungen von Börsenbewegungen in den Massenmedien

Nachdem gestern nach einem Kurssturz der B̦rse in Shanghai von fast 9% alle B̦rsen der Welt ins teilweise heftige Minus drehten, schauen jetzt angeblich die B̦rsianer alle auf die weitere Entwicklung der B̦rse in Shanghai Рjedenfalls wird dies in den Medien so behauptet.

Fundamental gesehen ist nichts abwegiger, denn die Entwicklung der Shanghaier Börse verläuft stark unabhängig vom weltweiten Börsengeschehen. Hier wackelt auch nicht etwa der Schwanz  mit dem Hund! Shanghai ist weitestgehend ein rein innerchinesisches Börsenphänomen. Die Börse trat jahrelang auf der Stelle, während die anderen Börsen der Emerging Markets längst Höhenflüge antraten. Und die Börse Shanghai explodierte dann geradezu zwischen März 2006 bis zum Kursrutsch im Februar um weit über 100%. Genauso wenig, wie die Kursexplosion des letzten Jahres in Shanghai für die Weltbörsen beeinflusst haben, hatte der gestrige Kurssturz letztlich irgendeinen realen wirtschaftlichen Einfluss auf andere Märkte.

Es war nur eine psychologische Reaktion, weil es Anleger weltweit daran erinnerte, dass Börsen auch scharf nach unten gehen können und das Ängste und Verkäufe auslöste. Und wenn die Märkte fundamental schwach, aber in den Kursen hoch sind, kann das ein erstes Anzeichen für einen weltweiten Bärenmarkt sein. Nur sind die eigentlichen Gründe fundamentaler Natur, eine extreme Ausweitung der Geldmenge und andere Schieflagen.
Die Medien – Spiegel-Online oder Marketwatch.com sind da nur Beispiele – mystifizieren das Ereignis von Shanghai nun gegenüber ihrer naiven Leserschaft nun derart, als würde die Shanghaier Börse die Entwicklung der Weltbörsen und von Wallstreet bestimmen. Populistisch erfindet hier MarketWatch bereits nach einem eintägigen Kurssturz ein “China-Syndrom”.

So schreibt Spiegel-Online beispielsweise folgende Absurdität: “Der Börsencrash in Shanghai und Shenzen sorgt weiter für Katerstimmung an den deutschen Märkten. Zu Handelsbeginn brach der Dax massiv ein, inzwischen steigen die Indizes aber wieder. Eine Erholung der Aktienkurse in China verhinderte Panikverkäufe in Deutschland.” Jedoch waren bereits Anfang Februar  die chinesischen Börsen schon einmal massiv eingebrochen, ohne dass das anderswo nennenswerte Kursauswirkungen hatte.

Bei diesen Behauptungen bemüht sich meist niemand, seine Behauptungen der Abhängigkeiten voneinander irgendwie zu begründen. Warum bricht denn  der Dax nach gestern auch heute noch einmal “massiv ein”, obwohl sich heute die Börse in Shanghai um 4% vor Eröffnung des DAX erholt hatte?
Leser und auch die Autoren von Börsennachrichten brauchen meist nur irgendeinen Grund, egal wie ungeprüft, unlogisch oder abwegig dieser auch sein mag.
Genauso wie früher: Wenn im Dorf die Kuh erkrankte, war beispielsweise die Hexe von neben der Grund (die dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde). Wer sein Investitionsverhalten nach derartigem Mystizismus ausrichtet, kann auch gleich den Kaffeesatz aus der Filtertüte seines Morgenkaffees kratzen und zum Kaffeesatz-Lesen benutzen. Womöglich erreicht man damit sogar eine bessere Trefferquote an der Börse.

Einen Kommentar schreiben